Das Trendwetter in London im März 2009


Photo: Hanspeter Kuenzler - self portrait

Also, wenigstens habe ich es ja geschafft, mit der Arbeit an einem neuen Trendwetterbericht anzufangen. Aber bis der so lang ist, wie ich das gern hätte, wird noch viel Zeit vergehen. Drum hier vorerst mal ein fragmentarischer Zwischenbericht...


ALLTAG

Säufer-Ambulanz
In Camden tourt neuerdings ein Krankenwagen durch die Strassen, dessen einzige Aufgabe darin besteht, Säufern in ihren Qualen beizustehen. Gemäss offiziellen Statistiken gelten 23% der Bevölkerung von Camden als alkoholgefährdet (in der Sprache der Sozialarbeiter: "hazardous/harmful drinkers", weitere 6% sollen sogar alkoholabhängig sein. Wenn er nicht in Aktion ist, ist der Krankenwagen in der Nähe der U-Bahnstation parkiert und verbreitet Information betreffs vernünftigen Trinkens.


Nackte Strassen

Die Exhibition Road in Kensington wird zum Strassenexperiment umfunktioniert. Gemäss neuesten Erkenntnissen der nicht ganz aufs Auto ausgerichteten Strassenplaner gibt eine Flut von Tafeln und Signalen Autofahrern das Gefühl, es drehe sich alles um sie. Darum sind in der Exhibition Road nun so viele Tafeln wie möglich weggeräumt worden. Weiters soll eine Reduzierung der Strassenmarkierungen dazu führen, dass Autofahrer nicht mehr gedankenlos weissen Linien nachbrausen können, sondern sich darauf konzentrieren müssen, zwischen den Fussgängern und Velos einen eigenen Weg zu finden.


Bling your Bike

"Bling your bike" - aka Velodekorieren - ist eines der raren Underground-Phänomene, die sich der Unterstützung von Behörden und Polizei erfreut und dennoch nicht uncool ist. Es geht dabei darum, seinem Velo ein individuelles Design zu verpassen. Das Konzept wurde vom amerikanischen Designer Lamonté Johnson nach London gebracht. Noch in St Paul, Minnesota, hatte ihn eine Freundin darum gebeten, ihr Velodesign einem Paar Schuhe anzupassen, das er für sie angefertigt hatte. Nachher sei die ganze Nachbarschaft gekommen und hätte auch sowas gewollt. Jetzt führ Johnson im Rahmen seines Bling Ya Bike-Projektes in Brixton Sprayer-Kurse durch. Die Sache wird von den Lokalbehörden gesponsort - die Polizei stellt ihm geklaute Fahrräder zur Verfügung, deren Besitzer nicht eruiert werden kann. Velos mit individuellem Design werden weniger oft geklaut, denn sie können sofort identifiziert werden. www.bsvcc.org und www.artworksdirect.org


Irregular Choice

Schuhlabel Irregular Choice aus Brighton hat an der Carnaby Street seinen ersten Laden eröffnet. Die Schuhe sind so witzig wie das Dekor, das aussieht wie eine Kunstinstallation. Dabei sind die Schuhe bei allem Witz auch irgendwie elegant. Damen und Herren. 39, Carnaby Street, W1. http://www.myspace.com/officialirregularchoice


Bunte Dr. Martens

Die altbekannten Punk-, Grunge- und Skinhead-Stiefel der Marke Dr Martens erleben eine neuerliche Renaissance. Der neueste Vermarktungstrick: jetzt ist er nicht nur in schwarz und rot, sondern auch in grün, blau und gelb zu haben.


Rezession - eine gute Sache oder nicht?

Die Meinungen gehen auseinander über die Auswirkungen der Rezession. Derweil meine lokale main street, die Kilburn High Road, innert kürzester Zeit einen Viertel der Shops verloren hat, sind es zumeist die billigen Ramschläden, um die es wahrlich nicht schade ist, die ihre Siebensachen gepackt haben. Die einzige Ausnahme: Woolworths. In der Tat hört man vor allem unter Fans von kleineren, unabhängigen Läden immer wieder die These, dass die Mietpreise jetzt herunterkommen müssten, was unabhängigen Shops wieder eine Chance gebe, nachdem sie jahrelang von den grossen Ketten verdrängt worden sind. Die These hat einen romantischen Unterton, klingt aber nicht unplausibel...

FOOD & DRINK

Terence Conran, sehr englisch
Terence Conran hat sich nach dem Management-Buyout seiner Restaurants nicht auf die faulen Haut gesetzt. Vielmehr hat er auf sein Albion/Boundary-Projekt in Shoreditch konzentriert. Im Parterre befindet sich das "billige" Albion-Café mit klassischen englischen (Schulkantinen-) Gerichten wie Welsh Rarebit, Kedgeree und Bread & Butter Pudding. Der Tee wird im Krug komplett mit gestrickten Wärmer serviert. In der Tat kommt auch die Einrichtung als subtile und witzige Hommage an die Kantine daher. Im angegliederten Shop kann man Quitten-Gelee und Melasse kaufen (oder klauen). Im Keller befindet sich das gehobene Restaurant Boundary, das indessen eher auf französisch macht. Im März wird die Dachterrassenbar eröffnet - und Hotelzimmer wird es auch geben. www.theboundary.co.uk

Argentinische Cuisine
Garufa soll kein blosses Steak-Haus sein, sondern ein echtes argentinisches Restaurant mit einer breiten Palette von Angeboten, sagt Besitzer Alberto Abbate, der in Hackey bereits Buen Ayre und in Battersiea Santa Maria del Sur eröffnete. So gehören zum Repertoire Fremdworte wie Humitas, Vitel Tonné, Milanesas und Empanadas. Um die Ecke ist das Stadion von Arsenal - für die Fans gibt's auch Wurstsandwiche. Dekor und Musik - Tango natürlich - passen zur Speisekarte, aber Kitsch ist das nicht, sondern coole Klasse. Garufa, 104 Highbury Park, N5. www.garufa.co.uk



ARTS - MEDIA
YouTube ersetzt Radio
Gemäss einer Studie der Medienrecht-Firma Olswang hat YouTube in der Altersgruppe der 13- 15jährigen vom Radio die Rolle des bevorzugten Musikinformationsmediums übernommen.


LEUTE

MUSIK
Hawkwind
Die alten Erz-Hippies (Hit: "Silver Machine"), denen auch Mötörhead Lemmy einmal angehörte, erfreuen sich einer Renaissance. Dies vor allem deswegen, weil die Firma Cherry Red Records unter dem Pseudonym Atomhenge Records angefangen hat, all die alten Hawkwind-Platten wieder zu veröffentlichen. So ist es jetzt plötzlich akzeptabel, sich zu einer Band zu bekennen, die unter trendbewussten Schöngeistern dekadenlang als Witzfiguren gehandelt wurden. Das plötzliche Coolsein mag auch damit zusammenhängen, dass die Band Ende letzten Jahres bekanntgab, dass sie ihre Meinung betreffs illegalen Live-Mitschnitten geändert habe. Bis dahin hatte sie solche Aufnahmen nicht toleriert - jetzt sei's OK, sofern durch den Austausch der Aufnahmen keinem offiziellen Release vor den Bug geschossen werde.

Karauke
Karauke - Kara-Uke - ist der neueste Auswuchs des Londoner Ukulele-Booms. Es ist Karaoke, aber ohne Laptop und Videowand, dafür mit einem durch Kazzoos verstärkten, fünfzehnköpfigen Ukuleleorchester. Der Spass findet an jedem dritten Donnerstag im Monat in der Soho Revue Bar statt.


Patrick Wolf benützt neue Selbstfinanzierungsplatform

Das so eigenbrötlerische wie spektakuläre Pop-Chamäleon Patrick Wolf hat aus der unbedarften Art, wie er von der Plattenfirma Polydor/Universal behandelt wurde, seine Lehren gezogen. Er lässt sich die Aufnahmen für sein neues Album "The Bachelor" über die Internet-Platform www.bandstocks.com finanzieren. Fans können dort für je £ 10 Aktien für ein Album kaufen und sind dafür später am allfälligen Profit beteiligt.


Taximusik

Eine Gruppe von Londoner Konzertpromoter und Filmemacher sind auf die schöne Idee verfallen, ganze Bands in einen typischen Londoner Taxi zu verpacken und ein Ständchen geben zu lassen. Die Resultate sind hier zu bewundern: www.blackcabsessions.com Highlights: Richard Thompson (mit den beiden Frauen, die ihn bei seiner 1000 Jahre Musik-Show begleiten); Calexico, Eugene McGuinness und, ja, Brian Wilson.


Q Revamp am Publikum vorbeigerasselt

Ein Versuch, die monatliche Musikillustrierte einem jüngeren Publikum schmackhaft zu machen, scheint in die Hosen gegangen zu sein. Statt die Auflageziffern heftig ansteigen zu lassen, sind sie noch mehr gesunken und liegen nun bei 120'000 Exemplaren - zu Qs Glanzzeiten waren es über 300'000 gewesen. Offenbar hat man mit dem - chaotischen - Redesign viele alte Leser vergrault, aber keine neuen dazugewonnen. Etwas ähnliches passierte einst beim Melody Maker, der schliesslich eingestellt wurde.


Indie-Ladensterben

Gemäss neuesten Ziffern - ermittelt von der Firma Millward Brown für die Entertainment Retailers Association ERA - ist im vergangenen Jahr mehr als ein Viertel der britischen Indie-Plattenläden eingegangen. Ende 2008 waren landesweit noch 305 Indie-Läden im Geschäft, Ende 2007 waren es noch 408 gewesen. 1998 gab es noch 1064 Indie-Shops.