Hanspeter Kuenzler

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Ein Versuch über das Kinderklavier

Der folgende kleine Essay wurde im Juli 2013 für die exzellente Schweizer Musikzeitschrift Loop geschrieben.
Description
Pascal Comelade
Es gibt Tage, da ist die Höflichkeit eines wohltemperierten Klavieres in seiner streberhaften Perfektion die reinste Provokation. Tage, an denen der Pomp eines Piano-Crescendos aufs Gemüt drückt wie die vulgäre Kraftprotzerei eines Porschefahrers. Tage, kurzum, an denen das Klavier verboten werden müsste wie Coca-Cola, Kravatten und Rasen, auf dem das Fussballspielen verboten ist. Für solche Momente hat der leibe Gott am achten Tag das „Toy piano“ erschaffen. Wobei diese Bezeichnung die wahren Werte dieses Instrumentes auf perverse Art verleugnet. Ein Kind dürfte so ziemlich das letzte Lebewesen sein, welches die trauerweidenhaft herbstliche Schönheit im Klang dieses „Spielzeuges“ (ha!) wirklich zu würdigen wüsste. Gerade in der Tatsache, dass ein Kinderklavier nie wirklich „falsch“ tönt, selbst dann, wenn es von einer talentlosen Rotznase malträtetiert wird, besteht das prägende Charaktermerkmal dieses wundersamen Instrumentes. Denn kein wahres Kinderklavier ist 100% richtig gestimmt. Die Tasten lösen eher den Schatten des ihnen zugeschriebenen Tones aus als den Ton selber. Sie knacken die Zwangsjacke der präzis ausgeführten Melodie auf wie eine Nuss. In den Romanen von Haruki Murakami bleibt der Lift oft zwischen den Stockwerken stecken, der Held steigt aus und bewegt sich fortan in einer Zeit jenseits der gewöhnlich sterblichen Stunden und Tage. Aehnlich verhält es sich mit dem Kinderklavier. Aus den Sprüngen in der Nussschale sickert eine Schattenwelt zwischen Frühling und Herbst, die jedes Stück Musik, in welchem sie ihren Schein ausbreitet, in ein klangliches Vexierbild verwandelt, wo Kind und Greis in „perfect harmony“ im Chor klimpern.

In der Aufhebung von „falsch“ und „richtig“ liegt die Essenz des Toy Piano. Darum sind die teuren High-End-Exemplare, die nur so tun, als ob sie noch Kinderklaviere wären, genau so unauthentisch wie die elektronischen Versionen, derer sich das Trio im Gassenhauer „Da Da Da“ bediente. Am anderen Ende des Spektrums steht Pascal Comelade. Der Katalane hat sein ganzes musikalisches Leben auf dem windschiefen Fundament von „Spielzeuginstrumenten“ erbaut (und Yann Tiersen hat ihm für den Soundtrack von „Amélie“ einiges abgeschaut). Alben wie „Traffic d’Abstraction“ oder „Ragazzin‘ the Blues“ bewegen sich im Schummerlicht zwischen Flohzirkus, Rolling Stones und dem Fern/Heimweh von Joseph Roth. Auch Tom Waits weiss, was ein Kinderklavier ist – siehe „Blood Money“. Ein ewig Suchender wie er lässt es natürlich bei einer einmaligen Visite bewenden. Ueberhaupt gilt fürs Kinderklavier: Konsequent in den Sound einbauen, oder als raren, perlenhaften Farbtupfer einsetzen, quasi wie ein Wegweiser ins Soussol unserer Seelen. Dann und wann, das würde schnell wirken wie ein abgegriffener „Gag“. Das Spektrum der Bands, die am magischen Honig des Toy Piano genascht haben, ist breit. Es reicht von den B-52s („Dance This Mess Around“), Eels („Novocaine of the Soul“) und Haindling („I hab die lang scho nimmer g’sehn“) über Primus („Sathington Willoughby“) und The Cure (in der MTV-Show „Unplugged“) bis Radiohead, Tori Amos, Dresden Dolls, Warren Zevon und Michael J. Sheehy, der damit sein Boxer-Album „The Rise and Fall of Francis Delaney“ schmückte. An angewandten Konzepten zwischen Blödelei und Tiefgang fehlt es ebenfalls nicht. In die erste Kategorie gehört „Dizzy Fingers“, wo sich Richard Carpenter (ja, der) als Keyboard-Joungleur betätigt. Mit einem fröhlichen Bein in beiden Konzepten standen Pianosaurus, ein Post-Wave-Trio aus New York („Psychotic Reaction“ - genial!). Mike Langlie aus Boston nennt sein Toy Piano-Projekt Twink: „Mir gefiel der Sound“, sagt er. „Vor allem weiss ich die Limiten sehr zu schätzen. Für mich, der ich von der elektronischen Musik her komme, war es angenehm, mich nicht mit Millionen von Optionen herumschlagen zu müssen und vor lauter Werweissen keine Musik mehr zu machen.“ Der Schweizer Musiker Greg Demo schreibt folgendes: "Die Faszination besteht für mich eigentlich in der Schrecklichkeit des Instrumentes. Die Dinger sind ja ALLE nicht rein - nicht einmal in sich selber ist die Stimmung einigermassen da wo sie hin soll. Also für Menschen wie mich (ich bin gelernter Klavierbauer- und Stimmer) eigentlich eine Qual. Gleichzeitig hat dieses Ding einen unglaublichen Charme. Dadurch, dass es sich am Rest des Instrumentariums reibt und schiebt und kratzt und ungewollte Schwingungen entstehen, vermittelt das Toy Piano etwas unglaublich menschliches. Etwas unperfektes eben. Und das - diese gewisse Hilflosigkeit - ist es was mich daran berührt. Es ist echt und organisch und weit von Perfektion entfernt." Auch avant-gardistische Gegenwartsmusiker haben dem Kinderklavier neue Klänge abgewonnen. Die deutsche Pianistin Isabel Ettenauer konzentriert sich zwölf Jahren auf das Kinderklavier und spielt oft die Kinderklavier-Kompositionen eines Karlheinz Essls. John Cage komponierte in den Spuren von Harry Partch 1948 das Stück „Suite for Toy Piano“. In der Pianistin Margaret Leng Tan fand er die perfekte Interpretin: mittels konventionellem und Toy Piano hat sie eine lange Reiche von Cage-Kompositionen auf die Bühnen der Welt gebracht, darunter die berühmten, stillen „4‘33““. Sie sagt: „Ich bin durch und durch fasziniert vom Kinderklavier. Von seinen magischen Untertönen, seinem hypnotischen Charme und vor allem auch seiner schrägen Prägnanz.“
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