Michael Jackson - die Fans


Mitte Juni erscheint im Hannibal Verlag mein neues Buch, "Der Thriller um Michael Jackson". Hier ist schon mal ein Ausschnitt daraus.



Die Fans: Thomas Käppeli

Der Zug von Zürich nach Bern dauert eine Stunde, von dort nach Thun sind es noch mal zwanzig Minuten, zum Schluss folgt ein kurzer Sprung im überhitzten, antiken Schienenbus. Das malerische Thun liegt am Thunersee, in der Sonne funkeln die schneebedeckten Gipfel des Berner Oberlandes, und vor ein paar Jahren schaffte es der FC Thun sensationell in die Champions League. Obgleich Steffisburg quasi ein Außenquartier von Thun ist, hat es von den Reizen der Stadt nur die fernen Berge abbekommen. Zwar führt der Weg vom Bahnhof zuerst unter der "straßenüberquerenden Kunstinstallation" durch, die der griechische Künstler Costas Varotsos "aus der Landschaft heraus erspürt" hat, dann über eine mittelalterliche Holzbrücke, und ohne Zweifel genießen die Chalets am Hügel oben eine großartige Aussicht. Dennoch hält sich der Charme des Dorfes auf den ersten Blick in Grenzen.

"Opening King of Pop Museum" stand auf der Einladung. Datum: Freitag, 28. August 2009, Zeit: 18 Uhr. Adresse: Restaurant Brasserie 98, "Traditioneller Familienbetrieb", Oberdorfstrasse 15, 3612 Steffisburg. Das Eintreffen der Gäste werde begleitet von Weißwein aus der Weinkellerei R. Vouilloz, Rotwein von der Firma Mounir, Salgesch, sowie Bier Marke Rugenbräu Alpenperle. Die "Begrüßung durch den profunden Michael Jackson-Kenner Thomas Käppeli" wurde für 18:30 Uhr versprochen, gefolgt von der Besichtigung des Museums und "Pasta Guggershörndli all Rabiata Don Francesco". Ach - und die Einladung stammte von "Thomas Käppeli (ehem. Freund von Michael)."

Leider war ich verhindert. So betrete ich die Brasserie 98 ein paar Monate verspätet erst im tiefsten Februar. Es begrüßt mich eine Dorfschankstube, wie sie im schweizerischen Heimatbuch steht: Holztische, Jass-Tafeln, windgegerbte Herren mit dicken Stumpen zwischen den Handwerkerfingern. Herr Käppeli? Das King-of-Pop-Museum? Ich werde durch ein dunkles Hinterzimmer und einen Korridor geführt - und plötzlich tut sich eine exotische neue Welt auf. In der Sprache des Hausherrn Don Francesco, der eigentlich Franz-Urs Linder heißt und den Ausdruck hat schützen lassen, befinden wir uns nun in einem "Pizzerante". Es ist ein Mischding aus italienischer Pizzeria und amerikanischem Diner, beleuchtet von einer klassischen Wurlitzer-Jukebox in bunten Elvis-Farben. Und tatsächlich hängen an den Wänden rundum die Zeugnisse von Thomas Käppelis einstiger Michael Jackson-Sammlung: goldene Schallplatten zuhauf, eine waschechte Jackson-Uniformjacke, ein Award für 25 Millionen verkaufte "Thriller", Fotos, auf denen "Chäppu" persönlich neben einer Auswahl von Jacksons steht. Eine Treppe führt ins Kellerverlies - hier finden wir einen Teddybären, einen bekritzelten Schweizer Pass, eine Zeichnung von Michael, eine rosarote Serviette, dazu den Award, mit dem Michael Jackson für den Verkauf von 100 Millionen Tonträgern geehrt wurde und von dem es dem Vernehmen nach nur noch drei weitere Exemplare gibt. Mitten drin sitzt strahlend der ewige Fan und stolze Ex-Sammler Käppeli.

Thomas Käppeli, Jahrgang 1963, stämmig gebaut, offenes Gesicht, Zigarette, gelernter Maschinenzeichner, heute Immobilienhändler, früher beim FC Thun für die Sicherheit der Fans bei Auswärtsspielen zuständig, früher unter anderem auch aktiv im Schützenverein, im Eishockey-Klub, bei den Ornithologen und den Philatelisten, berühmt geworden durch seinen bestsellenden Kaffeerahmdeckeli-Katalog, Ausbildung im Finanzwesen, Vater von drei Kindern aus erster Ehe, Stiefvater einer Tochter aus zweiter Ehe, doppelter Weltmeister im Photoplay (einem global gesteuerten Computerspiel), Inhaber des schweizerischen Jagdscheines und Pächter eines Wildschweinjagdreviers in Tschechien. Auf seinem linken Schulterblatt prangt in der Größe einer Single eine Tätowierung von Michael Jacksons Konterfei.

"Das mit Michael ...", hebt Chäppu an, "schon der Anfang war genial. Das Alter: 16, 17. Sehr dominanter Vater. Versuchte immer alles vorzuschreiben. Man kommt zur Schule raus, darf endlich selbst entscheiden. Darf am Sonntag, statt daheim mit den Eltern Autorennen zu schauen, richtig aus dem Haus. Und der Kollege hat ein Auto. Und in dem Auto läuft genau dieses Kassettli, ,Off the Wall', ,Rock With You'. Das sind so Zufälle. Vielleicht hängt alles damit zusammen. Mit der Befreiung."

Chäppu war hingerissen von "Off The Wall". Jeder Song eine Perle. Nicht ein Stück Füllmaterial. Er begann sich über diesen Michael Jackson zu informieren und entdeckte Gemeinsamkeiten. "Sein Vater, mein Vater - das war nicht ungleich. Darum habe ich schon früh etwas mehr gesehen bei Michael. Vielleicht hat mir ja gerade das so gut gefallen, dass dieser 21-jährige Bengel, etwa gleich alt wie ich, trotz dem Riesenerfolg, den er mit den Brüdern hatte, trotz dem Druck vom Vater und trotz dem Druck von Motown - dass er einfach sagt: "So, jetzt mache ich selbst etwas!" Und knallhart hat er es durchgezogen. Bei der Geburtstagsfeier von Motown, "Billie Jean" - da hat's mir die Zehennägel aufgerollt, so unglaublich toll war das!"
Chäppu und seine Familie waren keine Außenseiter im Dorf - im Gegenteil. Und doch wurde die geistige Verbindung des Schweizer Landbuben mit dem frühreifen Popstar aus der kalifornischen Sonne, für den Switzerland wahrscheinlich noch das Gleiche war wie Schweden, auf einseitige Weise immer inniger. Was die beiden verband waren die Schläge. Chäppu kassierte sie mit Rute und Teppichklopfer.

"Wie soll ich sagen", sagt Chäppu und seufzt. "Da waren ein paar Sachen. Mein Vater war Berufsoffizier, Oberst. Ein sehr dominanter Mann. Und überall, wo der kleine Chäppi hingekommen ist, da hieß es: "Bist du der Sohn vom Herrn Oberst?" Da konnte man hin, wo man wollte. Man konnte nie sich selber sein. Man war immer das Ergebnis von seiner Mutter und seinem Vater. Einmal in der Sekundarschule hat ein Lehrer zu mir gesagt: "Etwas Gutes hast Du, Käppeli, und das ist dein Vater." Irgendwann muss man sich entscheiden. Entweder man schickt sich darein, einfach der Sohn vom Alten zu sein. Oder man bekommt eine solche Wut im Bauch, dass man sagt: "O.k., jetzt mach ich alles erdenklich Mögliche, bis es einmal heißt: "Sind sie der Vater von dem Sohn?" Das war mein Ziel. Es war ein gewaltiger Krampf. Ich habe geschuftet und mich abgeplackt. Alles, bis mein Vater eines Tages wegen einer Nasenoperation ins Krankenhaus musste. Der Narkosearzt erscheint, blickt aufs Formular und sagt: "Eine Frage, Herr Käppeli - sind Sie etwa der Vater vom Kafirahm-Deckeli-Käppeli?" Das war das erste Mal. Aufs Mal merkte ich, dass mein Vater ganz anders tat mit mir. Ich war nicht mehr sein Soldat."

Den Moment hatte Chäppu Michael Jackson zu verdanken.
"Sein Beispiel hat mir gezeigt: "Du kannst das." Das Wichtigste ist, dass man in den Spiegel schauen und an sich glauben kann. Man in the Mirror. Das hat Michael gemacht, auch mit seinen Operationen. Wenn du in den Spiegel schaust und immer nur deinen Vater siehst, da musst du doch etwas ändern! Und zwar musst du etwas ändern. Du kannst nicht auf die anderen warten."
Bis aus Chäppu, dem Michael Jackson-Fan, Chäppu, der Michael Jackson-Sammler wurde, vergingen indessen noch eine Hochzeit, drei Geburten und eine "sehr glückliche" Scheidung: Chäppu hatte seine Sandkastenliebe geheiratet und nach neun Jahren festgestellt, dass "Liebe allein nicht reicht, dass es die Gemeinsamkeiten sind, die verbinden." Obwohl das Ehepaar im Frieden auseinanderging und noch heute gut befreundet ist, stürzte ihn das Scheitern in eine schwere Depression.
"Aus dem Haus habe ich die Polstergruppe und einen TV mitgenommen, zwei, drei Köfferli, in denen auch die CDs von Michael waren, und bin in eine Eineinhalb-Zimmer Wohnung gezogen. Von Morgen bis Abend habe ich geheult. Es ging mir dreckig. Ich hatte Angst, ich würde alles verlieren, die Kinder, die Kollegen, alles. Und da kam wieder die Liebe hervor vom Michael. Der war doch früher gut, er wird jetzt auch noch gut sein. Und so habe ich irgendwann wieder Michael Jackson zu hören angefangen."

Das Dorf, so wurde ihm zugetragen, schwätzte über ihn. Nimmt sich so eine junge Frau, hängt ihr drei Kinder an, und wenn der Kleinste zwei Jahre alt ist und ihm das Angebundensein nicht mehr passt, läuft er davon. "Über mich wurde geurteilt, das hat alles nicht gestimmt. Gestern war ich im Verein noch der geilste Typ, heute war ich denen verleidet, einfach, weil man aufrichtig war mit sich und seiner Frau und sich hat scheiden lassen. Da kamen wieder die Parallelen zum Michael. Man hört von morgen bis abends seine Musik, und man verfolgt alles, was mit ihm passiert, und plötzlich hat man das Gefühl: "Ich kenne ihn." Man sieht im am Fernsehen und sagt sich: "In der Situation würde ich doch genau gleich handeln! Auch wenn er anders ist als ihr, lasst ihn doch sein! Er lässt euch ja auch sein." Als ich geflüchtet bin in die Wohnung hier in Steffisburg haben mich Michael und seine Musik am Leben erhalten."

Eines Tages hörte er von einer Frau in Basel, einem Michael Jackson-Fan. Sie hatte alles gesammelt, was sie von ihm finden konnte. Eines Tages traf sie ihr Idol persönlich, und von dem Moment an brauchte sie die Sammlung nicht mehr. Chäppu kaufte sie ihr ab, für sFr. 10.000. Es sprach sich rasch herum, dass Chäppu jetzt Sammler war. Zuhauf wurden ihm die Stücke angeboten. Andere erstand er auf Auktionen, wieder andere fanden ihren Weg direkt und superdiskret aus den Lagerhäusern der Plattenfirma in seine Hände. Chäppu verdiente durch seinen Job mit Anlagen gut Geld. Es gab Wochen, wo er drei, vier Raritäten an Land zog. Es mehrten sich die Anfragen von Fans, welche die Sammlung gern gesehen hätten. Am 1. November eröffnete Chäppu im Selve-Areal, dem trendig verlotterten Industriequartier von Thun, die "King of Pop"-Bar, wo nun all seine Schätze zu bewundern waren.

Datum: 16. April 2000. Plötzlich versperren zwei schwere Typen den Eingang zur "King of Pop"-Bar. Es steht ihnen ins Gesicht geschrieben, dass es Bodyguards sind. Sie bauen sich vor Chäppu auf. Es gebe in Gstaad jemanden, der auf ihn warte, draußen stehe der Wagen. Gstaad, exklusiver Urlaubsort für VVVIPs. Chäppu befahl dem Kollegen, niemandem ein Sterbenswörtchen zu verraten. Er kaufte einen dicken Rosenstrauß und hielt den Fahrer an, einen Umweg zu seinem Haus zu machen. Er musste ja noch den Teddybären und das Fotoalbum holen, die für genau diese Gelegenheit bereit lagen. "Ich war überzeugt, dass dieser Moment kommen würde", sagt Chäppu. "Immer hab' ich das im Kopf gehabt. Und wenn du etwas im Kopf hast, und du weißt, du kannst das, dann heißt es dranbleiben und dranbleiben, und eines Tages wirst du es schaffen. Aber du musst selber an dich glauben. Nie aufgeben. Egal was die anderen denken von dir. Nicht zweifeln - machen! Kannst dir vorstellen was ich so hören musste: "Diese Schwuchtel, dem gefallen die kleinen Buben auf den Knien". Scheißegal. Durchziehen!"

In Gstaad lag tief der Schnee. Wie erwartet hielt der Wagen vor dem Chalêt von Elizabeth Taylor an, der besten Freundin Michael Jacksons, wo dieser häufig zu Gast war. "Ich stehe auf dem Vorplatz. Zwei Bodyguards hüten den Eingang. Die zwei Bodyguards, die mich gebracht haben, stehen auch noch herum. Dann kommt ein Auto angefahren, da sitzt Grace drin mit den Kindern (Anm: Grace Rwaramba war das langjährige Kindermädchen Michaels; weil sie auch den gleichen Ring trug wie Michael, verbreitete sich das allerdings nie bestätigte Gerücht, dass die beiden ein Liebespaar waren). Grace schaut mich so an: ,Was machst du denn hier?' Ich sage: ,Mich kam jemand holen, Michael sei hier, ich würde gern zu ihm'. Grace ging hinein. Kurz später geht oben das Fenster auf. Es ist Michael. Er sagt: ,Hi!' Ich kann nur eines entgegnen: ,I love you.' Er sagt ,I love you more.' Hey, du Scheiße! Nach zwanzig Jahren! Du träumst von dieser Situation. Nie im Leben, denkst du. Eher noch George Bush. Aber da ist er, Michael Jackson, keine drei Meter von dir entfernt."
Michael: "Grace hat gesagt, dass du mir gern etwas mitteilen würdest."
Da war es vorbei mit Chäppus Beherrschung.
"Ich fiel auf die Knie und habe nur noch geheult. Vierzig Jahre alt und nur noch geflennt! So nah! Ich allein. Das darf nicht wahr sein! Sonst immer mit 80.000 anderen. Hier mutterseelenallein."
Es war schon dunkel.
Michael: "Frierst du nicht?"
Chäppu: "Und wie!"
Michael: "Willst du hereinkommen?"
Chäppu: "Ja..."
"Und im Schnee ziehe ich noch die Schuhe aus. Du kannst doch nicht mit den Schuhen in so ein Haus! Stand in den Socken im Schnee."
Chäppu betrat den Korridor. "Diese Treppe, ich hatte sie noch nie gesehen, aber zehn Mal bin ich sie im Traum schon hinaufgegangen."
Er wurde in die Küche geführt. Hier saß das betagte Ehepaar, das sich um Elizabeth Taylor kümmerte, wenn sie hier in den Ferien weilte. Der Mann fing zu erzählen an. In Thun sei er im Militär gewesen, auf einem Panzer aus dem 19. Jahrhundert. Chäppu konnte ihm kaum zuhören. Die Spannung war unerträglich.
"Es war eine Riesenküche. Alles aus Holz. Wir haben Tee getrunken. Da ging plötzlich die Tür auf, und die kleinen Globis, Prince Michael und Paris, stürzten herein. Ich saß so da, und die beiden sind voll auf mich zu gerannt, als würden sie mich seit hundert Jahren kennen. Springen mich an, dass es mich im Stuhl fast hintenhinaus nimmt. Klein Michael, fast weiße Haare, strohblond. Paris, Zapfenzieherlocken. Ich musste schauen, dass sie den Tee nicht ausleerten. Prince hat mir ständig auf der Nase herumgedrückt wegen der Laubflecken, die haben ihn fasziniert. Ein paar Mal hat sich die Tür leicht geöffnet, und Michael hat hereingeschaut. Nur hereingeschaut. Er war nicht geschminkt. Nicht bereit. Und ich dachte: "Michael, komm rein, komm rein!". Ich hatte mein Fotoalbum dabei, die Blumen. Den Kindern habe ich Spielsachen gebracht - das, was Michael immer gemacht hat, nur umgekehrt. Auf einmal bringt Michael eine rosarote Serviette. Er hat sie signiert. "Michael Jackson". Ich konnte nicht aufstehen. Seine Kinder saßen mir auf den Knien. Ich konnte ihn nur aus dem Sitzen anschauen und das Fotoalbum zu ihm hinüberschieben. Dann hieß es zu den Kindern: "Ab ins Nest!" Ich muss sagen, Michael hatte sie im Griff. Prince hat geschrien und gekickt, Michael hat ihn unter den Arm genommen und hinausgetragen. Dann hat er mir noch Autogramme für mich und meine Kinder und einen Teddy-Bären geschenkt. Er sagte, er werde mich anrufen, er wolle mich nach Amerika einladen, er wolle Business machen mit mir. Ich bin zurück in die Bar. Es war schon fast Mitternacht. Ich habe sie aufgeschlossen, nur für mich. Ich habe mein Lieblingslied gespielt, bin mit meinem neuen Teddybären auf der Tanzfläche gestanden und habe geheult wie ein Kind."

Die Monate vergingen, aber der versprochene Anruf kam nicht. Eineinhalb Jahre ging es, bis Chäppu einen Anruf von Faisal und Sandy aus Las Vegas bekam. Faisal und Sandy gehörten zum erlauchten inneren Kern von MJ-Fans, denen es gelungen war, eine persönliche Beziehung anzuknüpfen. Michael hatte sogar versprochen, bei ihrer Hochzeit als Trauzeuge zu walten. Sandy berichtete, Michael wolle mit Chäppu eine Geschäftsidee besprechen und erwarte ihn am kommenden Mittwoch in Las Vegas, der Flug auf seinen Namen sei schon gebucht. So landete Chäppu wenige Tage später in der Bruthitze von Las Vegas. Es war seine erste Reise nach Amerika. Er solle sich ins Hotel "Mandala Bay" begeben, hatten ihn seine Freunde angewiesen. Oben im Mandala Bay befinde sich ein weiteres Hotel, das noch exklusivere Four Seasons, dort wohne Michael. Man müsse sich bloß bei der Rezeption melden und werde dann sogleich zu ihm geführt. Michael habe vor, in Zürich eine Bar zu eröffnen.

Am nächsten Morgen in Las Vegas band sich Chäppu eine Krawatte um den Hals und sprach mit seinem Aktenköfferchen am Empfang des Mandala Bay, 3950 Las Vegas Boulevard, South, vor. Dort wurde ihm kategorisch erklärt, es wohne in dem Hotel kein "Mr. Jackson". Chäppu wartete ein paar Stunden im Foyer und versuchte es bei den Rezeptionsmitarbeitern der nächsten Schicht von Neuem. Das Resultat war das gleiche. Er rief Faisal und Sandy an. Diese rieten ihm an, einfach zu warten, bis einer von Michaels Bodyguards erscheine, die kenne er ja. Chäppu hielt sich an den Rat. Wartete. Nichts tat sich. Chäppu wartete bis Mitternacht, schnappte ein paar Stunden Schlaf und kehrte um sieben Uhr früh ins Mandalay-Foyer zurück. Wartete weiter. Drei Tage lang. Da, endlich, erschien doch noch einer der Bodyguards. Chäppu steckte ihm seine Visitenkarte in die Hand und schärfte ihm ein, Michael die Nachricht zu überbringen, er sei angekommen. Und wartete, wartete. Es passierte nichts. Endlich wurde er von zwei jungen Spanierinnen angesprochen. Es sei ihnen aufgefallen, dass er stundenlang untätig herumsitze. Was er denn treibe hier?
Chäppu: "Ich warte auf einen Kollegen."
Spanierinnen: "Könnte der Kollege Michael Jackson heißen?"
Die Spanierinnen eröffneten Chäppu, dass er am falschen Ort sei. Michael wohne durchaus hier oben im Hotel. Er gehe auch fast jeden Tag aus dem Haus. Aber er benutze dazu den Lieferanteneingang. Wenn sein Fahrer Kaito mit dem Wagen vorfahre, gehe es noch zehn Minuten, dann erscheine Michael, gewöhnlich mit den Kindern.
"Ich bin hinter das Hotel zum Lieferanteneingang und eine Viertelstunde, später kommt Michael daher. Ich stehe dort wie ein frischgevögeltes Poulet und schaue ihn an. Er kommt, umarmt mich und sagt: ,Endlich bist du da!'"

Chäppu durfte sich in Michaels Karosse setzen, dieser entschuldigte sich fürs lange Warten, man fuhr um den Häuserblock und knipste ein Foto. "Das ging nachher eine gute Woche so. Nicht grad jeden Tag, aber mindestens jeden zweiten Tag haben wir kurz zusammen geredet, im Auto, irgendwo unterwegs. Einmal sind wir im Drive-in-Restaurant Sushi holen gegangen. Einmal sind wir zum "Mirage" gefahren, dem Hotel, wo Siegfried und Roy auftreten. Michaels Business war ganz klar. Er wollte in Zürich das machen, was ich in Thun hatte, nur größer. Alles mit weißen Fliesen, neonviolettem Licht, goldenen Rändern und all dem Zeugs. Ein Riesenschuppen. Er hat's beschrieben, wie er das sieht. Mit DJ. Vom Feinsten. Ob ich das machen könne für ihn. Ich sagte: ,Schon, aber ich will nicht nach Zürich.' Er sagte: ,Aber die Schweiz ist doch Zürich!' Wir trafen uns noch kurz mit Chris Tucker, mit dem hatte Michael auch geschäftlich zu tun. Dann machten wir einen weiteren Termin ab, zwei Tage später. Bei dem Meeting sollten wir alles festnageln. Termine und alles."
Ein Tag vor dem wichtigen Treffen fuhren beim Hintergang plötzlich die Lieferwagen vor. In höchster Eile wurden sie mit dem Hab und Gut von Michael und seinem Anhang beladen.
"Ganze Kleiderständer flogen einfach in den Karren hinein. Der hatte eine Sache bei sich, unglaublich. Dann kommt Michael herunter, sieht mich, zieht mich noch mal ins Auto, macht ein Foto, signiert das erstbeste Stück Papier, den Reisepass, und sagt: ,Du hörst von mir. Jemand macht ein Dreckspiel mit mir.'"
Fast wäre Chappü statt daheim in Steffisburg im Knast von Las Vegas gelandet. Man warf ihm am Flughafen vor, den Pass mutwillig beschädigt und damit ungültig gemacht zu haben. Erst als sich Chappü daran erinnerte, dass sich unter den im 2-Stunden-Shop frisch entwickelten Fotos eine Aufnahme befand, wo er und Michael Jackson sich die Hand um die Schulter legten und Chäppu das gleiche Hemd trug wie jetzt, wo er vor dem Grenzbeamten stand, glaubte man ihm die Geschichte mit dem Autogramm und ließ ihn gehen. Zurück in Steffisburg erfuhr er endlich den Grund für Michaels überstürztes Verschwinden. Der Skandal um den Dokumentarfilm von Martin Bashir war losgebrochen. Es war der Film, in welchem Jackson seinem Erstaunen darüber Ausdruck gab, dass es in den Augen gewisser Leute falsch sei, mit fremden Kindern das Bett zu teilen. Er führte zu erneuten Vorwürfen des Kindesmissbrauchs und endete am 13. Juni 2005 im Geschworenengericht von Santa Maria mit einem Freispruch auf der ganzen Linie.

Es war das letzte Mal, dass Chappü Kontakt mit Michael hatte. Ein Jahr später gab er die "King of Pop"-Bar ab, aber nicht wegen mangelnden Zuspruchs, sondern wegen einer schweren Krankheit, die ihn ein ganzes Jahr kostete. Das Sammeln von Michael Jackson-Memorabilia gab er ebenfalls auf: "Wenn man ihn getroffen hat, geredet hat mit ihm, gegessen und geblödelt, dann bedeutet so eine Sammlung nichts mehr." Seine Zeitungsausschnitte schenkte er Sandy und Faisal. Der Plan, mit einem Teil seiner Raritäten ein kleines Museum einzurichten, bestand lange vor dem 25. Juni 2009. Einige Stücke wurden verkauft, darunter drei Grammys, die im Mai 2009 im New Yorker Hard Rock Café versteigert wurden und 30.000 Dollar einbrachten. "Ich sagte mir: was nützt mir das, wenn die bei mir nur herumstehen?"
Vor fünf Jahren hörte Chäppu doch noch einmal von Michael, allerdings auf indirekte Art. Dessen Vater Joseph feierte seinen Geburtstag in Berlin und organisierte eine große Party. Aus der Schweiz wurden fünf Leute eingeladen - drei Mitglieder des Fanclubs jackson.ch sowie Chäppu und seine Frau. Dieser ist überzeugt, dass es auf Veranlassung von Michael geschah: "Wie hätte Joe sonst gewusst haben sollen, wer ich bin?"
"Ob sich meine Verehrung von Michael vergleichen liesse mit einem religiösen Glauben?" Chäppu wiederholt die Frage laut und ganz langsam. Dann bleibt er lang still.

"Das geht jetzt grad' ein bisschen hart in die Eingeweide", entgegnet er schließlich. "Aber ich kann sagen, wenn ich je im Leben einen Gott gehabt habe, dann war es Michael. Ich selber bin kein Kirchengänger. Ich sage immer: Scheißegal, an was du glaubst, wichtig ist, dass du an etwas glauben kannst. Komischerweise sind Leute vor allem dann gläubig, wenn es ihnen Scheiße geht. Kaum geht es ihnen schlecht, erinnern sie sich daran, dass es da noch einen gab, der gekreuzigt wurde, der Dinge konnte, die andere nicht konnten. Michael war nur ein Mensch, das müssen wir ehrlich sagen. Aber für mich, im Nachhinein, wenn das auch komisch tönt - für mich war er schon ein bisschen wie ein Gott. Ich habe Michael mein Leben zu verdanken. Sein Beispiel hat mir Stärke gegeben. Die Arbeit musste ich selber verrichten. Aber er hat mir den Grund dafür gegeben mit seinen Texten und seiner Musik. Er hat mein Denken geprägt. Einmal habe ich es ihm auch gesagt. Ich sagte zu ihm: ,Ich habe dir mein Leben zu verdanken. Ich glaube nicht, dass du dir bewusst bist, wie viele Menschen dir das Leben zu verdanken haben. Wie viele Pärchen sich getroffen haben zu deiner Musik.' Er sagte: ,You are crazy.' Ich sagte: ,I am crazy, but you are too.'"