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Mit Schirm, Charme und Brass ![]() Sie gehörten einst zum nordenglischen - und manchmal sogar südenglischen - Sommer wie Regen, Cricket und der Strand von Blackpool: Brass Bands, die auf dem Bandstand des Lokalparks mit melancholischen Weisen frühzeitig den Herbst heraufbeschwörten. Was einen damals, vor zwanzig Jahren oder so, beim bittersüssen Genuss dieser Spektakel nur noch melancholischer stimmte, war die Tatsache, dass der herbstliche Sound perfekt das Alter der Musiker reflektierte. Die falschen Töne und verpatzten Einsätze vertieften den Eindruck, dass wir hier die letzten Zuckungen einer schwindenden Kunst erlebten. Und jetzt das - eine regelrechte Renaissance! "Die ganzen 90er Jahre gingen uns verloren", erklärt Alan Morrison, der Musical Director der Brighouse & Rastrick Band, einer der traditionsreichsten, besten und erfolgreichsten englischen Brass Bands überhaupt. "Wenn man heute unsere Bands anschaut, fehlt eine ganze Generation." Es gibt viele Theorien und bestimmt so viele Gründe dafür, wie die Brass Bands von Nordengland zu ihrem rosigen, warmen Klang gekommen sind. Einer davon ist sicher der, dass die Bandsleute von Yorkshire, Lancashire, Derbyshire und all den anderen nordenglischen Grafschaften ihrer musikalischen Liebe fernab von allen militärischen Funktionen huldigten, wie sie etwa im deutschen Sprachraum die Entwicklung der Blasmusik mitprägten. Hier im Norden von England war die Musik vor allen Dingen eine Sache des menschlichen Zusammenkommens. Nach einer harten Arbeitswoche stand Publikum, Sponsoren und auch Musiker die Laune nicht nach zackigem Schwung, sondern nach musikgewordener Wärme und Entspannung. England im viktorianischen Zeitalter war eine strikte Klassengesellschaft. Aber die reichen Besitzer von Bergwerken, Maschinenfabriken, Getreidemühlen, Webereien und was es der lokalen Industrien sonst noch so gab, erkannten früh die Vorteile darin, über eine zufriedene Belegschaft zu verfügen. Eine Brass Band war für ihre Zwecke ideal. Indem sie den Mitgliedern Privilegien gewährten - die Bands durften zum Teil während der Arbeitszeit proben - schürten sie deren Loyalitätsgefühle. Dazu brauchte man sich über die Unterhaltung bei Dorf-Feten keine Sorge zu machen - und auch diese Ständchen halfen dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Belegschaft zwischen sich und auch mit der restlichen Dorfbevölkerung. "Männer, die nicht nur zusammen arbeiten, sondern auch zusammen spielen, lernen sich besser schätzen, und das wiederum kommt der Arbeitsmoral zugute", so lautete die Devise der viktorianischen Führungsspitzen. Manch ein Fabrikbesitzer war in der Tat selber ein Brass-Band-Fan. Auftritte ihres Orchesters stellten nebst der Kirche eine der wenigen Gelegenheiten dar, wo Herren und Arbeiter sich ausserhalb der Fabrik begegneten. Nicht zu verachten war dazu die Werbewirkung einer wohlorganisierten Haus-Kapelle: sie trug den guten Namen des Bergwerkes und der Spinnerei weit ins Land hinaus. Alan Morrison nennt einen weiteren möglichen Grund für die speziellen klanglichen Vorlieben der Nordengländer: ihre Sprechweise. Der Dialekt von Yorkshire ist bekannt für seine breit gezogenen Vokale: "Die Leute in Yorkshire lassen den Kiefer beim Sprecher weiter hinunter kippen als etwa die Südengländer." Er vermute, dass diese Gewohnheit auf das Spielen eines Blasinstrumentes übertragen werde. "Dadurch kommt mehr Luft ins Instrument, und das macht den Klang ebenfalls weicher." Wohl haben Bandleader und Instrumentenhersteller in der Blütezeit gegen das Ende des 19. Jahrhunderts hin diesen Umständen Rechnung getragen. So wurde bei verwandten Instrumenten zumeist die weichere Variante gewählt - zum Beispiel Kornett statt Trompete. Auf jegliche Arten von Woodwind-Instrumenten verzichtete man ganz. Und ein reger Gebrauch von Vibrato rundete die Kanten noch mehr ab. So gelangte man schliesslich zur heute gültigen Standard-Besetzung mit 1 Es-Cornet, 4 Solo-B-Cornet, 1 Repiano, 2 2. B-Cornet, 2. 3. B-Cornet, 1 Flügelhorn, 3 Es-Hörner, 2 Baritone, 2 Euphonium, 2 Tenorposaunen, 1 Bassposaune, 2 Es-Bässe, 2 B-Bässe und 3 - 4 Schlagzeuger. Das Repertoire dieser Brass Bands bestand erstaunlich lange vorab aus Adaptionen populärer klassischer Stücke, Operettenarien, Kirchenliedern und "Parlour Ballads" (Lieder von populären Komponisten wie Gilbert & Sullivan, die harmlos genug waren, auch von Damen aus gutem Haus vorgetragen zu werden). Bemerkenswerterweise bediente man sich praktisch nie der vielen Melodien aus der florierenden Folk-Tradition. Alan Morrison weiss dafür keine Erklärung, weist aber die Idee zurück, dass das Repertoire von den Fabrikbesitzern möglicherweise mit pädagogischen, snobistischen Hintergedanken gesteuert wurde: "Die Fabrikherren hatten mit der Auswahl der Stücke und der Organisation der Band rein gar nichts zu tun", sagt er. Robin Williamson, einst der Begründer der stilprägenden Acid-Folk-Truppe Incredible String Band und seit Jahren mit der Erschliessung von versteckten Winkeln der britischen Musikgeschichte beschäftigt, stellt eine andere Vermutung an: "Ich glaube, dass auch die damalige moderne Arbeiterschaft die Folktradition nicht gerade mit Respekt behandelt hat." Das ist umso erstaunlicher, als eine ähnliche Melancholie, wie sie Brass Band-Musik durchzieht, auch im Folk-Repertoire zu spüren ist. Damon Albarn - mit Blur und Gorillaz einer der originellsten britischen Popstars der letzten Dekade - erklärte dem Schreiber dieser Zeilen kürzlich, er halte Melancholie für das definierende Charaktermerkmal der Engländer. Wie dem auch sei - Folkies und Brass Bands wollten damals nichts von einer Geistesverwandtschaft wissen. Und dann, 1913, entstand das allererste Stück, das der englischen Brass Band auf den Leib komponiert wurde - Percy Fletcher?s Ton-Gedicht "Labour And Love", vollendet gerade rechtzeitig für den grossen Wettbewerb im Südlondoner Crystal Palace (derweil die Brass Band-Tradition nördlichen Stiles in Südengland einen schweren Stand hatte, fanden die ganz grossen Wettbewerbe doch immer wieder in der Metropole statt, heute in der Royal Albert Hall). Die Nordengländer waren trotzdem nicht die einzigen britischen Blasmusikfans. Auch die Heilsarmee spielte eine wichtige Rolle in der Entwicklung des britischen Brass-Bewusstseins. Viele Südengländer kennen Blasmusik nur in der Form von Heilsarmee-Bands, die in der Weihnachtszeit mit verfrorenen Nasen vor Warenhäusern und Postbüros zum Ständchen aufspielen. Der einzige Unterschied zwischen einer Standard-Heilsarmee-Kombo und einer typischen Yorkshire-Band besteht darin, dass erstere auf Repiano und 3. Cornet verzichtet. Aber nicht jede Heilsarmee-Ablage konnte auf gleich viele akzeptable Bläser zählen. Das bedeutete, dass Heilsarmee-Bands häufiger in Quartett- und anderen Kleinformationen auftraten. Das Repertoire unterschied sich bis 1992 grundlegend vom Repertoire einer konventionellen Brass Band. Bei der Heilsarmee erachtete man die Musik primär als ein Mittel, Publikum in die Kirchen zu locken und gleichzeitig spirituelle Inspiration zu bringen. Gewisse klassische Stücke konnten durchaus ins Repertoire aufgenommen werden, aber Kirchenliederadaptionen und geistliche Stücke dominierten. Naturgemäss kamen auch diese zumeist mit Gravitas daher. Heute gehören zur britischen Heilsarmee knapp fünfhundert Ensembles verschiedenen Umfanges. Diese nehmen an keinen Wettbewerben teil, das ginge gegen die Ueberzeugung. Immerhin wurde 1992 der Beschluss gefasst, das Spektrum des Repertoires zu erweitern: bis dahin waren die Bands verpflichtet gewesen, nur Stücke und Adaptionen zu spielen, die vom Musikverlag der Heilsarmee publiziert worden waren. Jetzt darf man "fremd gehen" - so lange die Stimmung des Stückes dem Kontext des Konzertes entspricht. Ja, sogar der Titelsong eines James Bond-Filmes sei heute in gewissen Situationen gestattet, etwa dann, wenn die Band an einem Anlass auftritt, bei dem auch Daniel Craig eingeladen ist. Bis in die 70er Jahre hinein konnten sich die Brass Bands des Nordens nicht über Auftrittsmöglichkeiten beklagen. Fussball-Matches, Ferien-Camps, Pärke, Dorf-Feten und dergleichen Veranstaltungen mehr kamen ohne eine Blechkapelle nicht aus. Dazu kamen die lokalen und nationalen Spiel-Wettbewerbe, die sich bei Publikum wie Musikanten grösster Beliebtheit erfreuten (und es noch immer tun). In den Fussstapfen von Edward Elgar und Ralph Vaughan Williams, die früh Werke für speziell für Brass Bands geschaffen hatten, folgten Komponisten wie Eric Ball, und Gilbert Vinter in den 60er Jahren, und die grossen Neuerer Elgar Howarth sowie der aus der einer Heilsarmeefamilie stammende Edward Gregson in den 70er Jahren, die den Einfluss von Bartok, Stravinsky und Hindemith in ihre Arbeiten einfliessen liessen (und Hans Werner Henze und Harrison Birtwistle dazu animierten, sich in dem Genre zu versuchen). Viele Bands genossen noch immer das Sponsorentum von Bergwerken, Autofabriken und anderen Industriebetrieben. Eine Liste der bei Wettbewerben erfolgreichsten Bands zwischen 1946 und 1980 reflektiert dies: Black Dyke Mills, Fairey Aviation, CWS, Munn & Felton´s, Foden´s Motor Works, Grimethorpe Colliery, Carlton Main Frickley Colliery. Die Brighouse & Rastrick Band taucht ebenfalls in den Top 10 auf, wurde aber nicht durch einen Industriebetrieb, sondern durch die Bevölkerung von Brighouse und Rastrick in der Nähe von Leeds finanziert. Ein Glücksfall bewirkte, dass sie die schwierigsten Zeiten der britischen Szene, die 90er Jahre, problemlos überstand: Ihre Version eines munteren kleinen Stückes namens ?Floral Dance? mauserte sich im Winter 1978 zu einem kapitalen Hit, und auch das dazu gehörige Album schaffte es in die englischen Pop-Top 10. Man habe die resultierenden Tantiemen sehr geschickt angelegt, erklärt Alan Morrison. Man sei bis ans Ende der Tage saniert und ist dazu praktisch die einzige Band, die sich ein eigenes Zentrum bauen konnte. Andere hatten weniger Glück. Mit dem Untergang vieler Industriebetriebe und der Schliessung von fast allen Bergwerken von den 60er Jahren an und besonders in den 80er Jahren wurde auch die Band-Szene dezimiert. Dann, in den 90er Jahren, beschränkte die Thatcher-Regierung die Lokalsteuern, die Gemeinden erheben durften; das führte rundum zu gewaltigen Budgetkürzungen, bei denen das Bildungswesen und die Subventionen für die Künste zuerst betroffen wurden. Das erwischte die Brass Bands gleich doppelt: sie selber bekamen höchstens noch reduzierte Unterstützung, und die Schulen schafften die Musikstunden ab (ausgerechnet - wo doch die Musikindustrie eine der wichtigsten Einkommensquellen der Nation ist!). Das machte die Situation praktisch unerträglich für Orchester, die fast ausschliesslich aus Amateuren bestehen, jedoch vom Einzelnen einen gewaltigen Einsatz erfordern, wenn die Wettbewerbsstandards aufrecht erhalten werden sollen (in der ganzen englischne Brass Band-Welt gebe es wohl ein Dutzend Leute, die von ihrer Arbeit als Dirigenten, Musiker, Arrangeure, Jury-Mitglieder und Komponisten leben könnten, sagt Alan Morrison). Aber das änderte sich zehn Jahre später wieder ? und zwar mit der Einführung der Landeslotterie. Bei dieser ist es gesetzlich verankert, dass die Lotterieorganisation einen beachtlichen Anteil des Gewinnes an die Künste abzweigt. Und im Falle von solchen Abgaben an Brass Bands ist es wiederum verankert, dass die profitierenden Bands einen Teil der Gelder für die Jugendförderung ausgeben. Gleichzeitig wird auch in den Schulen wieder Instrumentenunterricht angeboten. Morrison: "Ja, wir können heute regelrecht von einer frischen Blüte reden. Der Kreis hat sich geschlossen." Die Trompeterin Alison Balsom zum Thema "Brass Band": "Die Brass Band-Tradition in Nordengland ist Welten entfernt von der Trompete und was man damit assoziiert. In einer Brass Band dreht sich alles um die Wärme und das Zusammensein. Ich bin in Südengland aufgewachsen, in der Grafschaft Hertfordshire. Trotzdem hatte es in der Nähe eine Brass Band, die Royston Town Band, die seit 200 Jahren existiert. Ein winziges Städtchen und natürlich gar keine gute Band. Trotzdem steckte da eine ganz besondere Wärme und eine Fülle von Emotionen drin. Später spielte ich in einer viel besseren Band, wo alles stimmte. Wir spielten die gleichen Stücke, nur eben fehlerlos. Aber das Gefühl beim Spielen kam nie an die kleine, schlechte Band heran. Es fehlte mir etwas ganz wichtiges - das Herz." Artikel zuerst publiziert in Clarino. |
